Elektroakustische Risikotheorie
Jon Abbey und sein "Erstwhile"-Label

Peter Niklas Wilson, Neue Zürcher Zeitung, 2/27/03 (in German)

Vor knapp vier Jahren hat der Amerikaner Jon Abbey das Label "Erstwhile" gegründet, und schon umfasst der Katalog beinahe dreissig Alben. Das musikalische Programm wird bestimmt durch improvisierende Musiker, die sich auf die Herausforderungen von Medientechnologie einlassen, sei es mit Laptop oder Live-Elektronik.

Den Namen kann man nur ironisch nennen. "Erstwhile" ist eine Vokabel, die das Wörterbuch mit dem Zusatz "archaisch" versieht und so viel wie "einstmals" bedeutet. Doch mit nichts hat die Plattenfirma, die Jon Abbey vor nicht einmal vier Jahren gründete, so wenig im Sinn wie mit dem Überkommenen. Aktualität und Risiko, das sind die Prämissen des Produzenten aus New Jersey, der sich selbst als "sehr ernsthaften, sehr intensiven Zuhörer" beschreibt, der mit seinem Label einer Musik, die ihm viel gegeben habe, etwas zurückgeben wolle.

Das ist Jon Abbey in kurzer Zeit auf beeindruckende Weise gelungen. Fast dreissig Titel umfasst der "Erstwhile"-Katalog bereits, ein Rendez-vous jener Namen, die in der Welt der improvisierten Musik nach dem Free Jazz den Ton angeben, sei es in Frankreich oder der Schweiz, in Wien oder Tokio: Keith Rowe und Werner Dafeldecker, Günter Müller und Sachiko M, John Tilbury und Burkhard Stangl und viele mehr. Was Abbey von anderen Kleinlabel-Betreibern in diesem ästhetisch wie ökonomisch so unwegsamen Terrain unterscheidet, ist nicht nur sein rastloser Aktivismus, sondern auch die Klarheit seiner künstlerischen Vorstellungen. Aktuelle Musik: Das bedeutet für Abbey Musik, die sich auf die Herausforderungen von Medientechnologie einlässt, sprich: elektroakustische Musik, sei es mit Laptops, Live-Elektronik oder so obskuren Instrumenten wie Toshimaru Nakamuras "no- input mixing board" oder Sachiko Ms nur mit einer Sinuswelle bestücktem Sampler.

Das ist nicht blosser Technik-Fetischismus. Denn die Integration der Elektroakustik steht, wie Abbey betont, für eine ästhetische Öffnung der hermetischen kleinen Welt der improvised music: "Zu viele jener Musiker, die in den späten Sechzigern und Siebzigern die Szene betraten und aufregende neue Musik schufen, sind auf ihre eigene Weise vorhersehbar geworden. Die Musik, auf die ich mich mit _Erstwhile_ konzentriere, elektro- akustische Improvisation, steht zwar in der Tradition des Jazz und der freien Improvisation, bezieht sich aber auch auf andere Genres wie Noise, Techno, Ambient, neue komponierte Musik."

Ebenso charakteristisch ist die aktive Produzentenrolle, die Jon Abbey für sich in Anspruch nimmt. Während sich die meisten Improvisations-Labels eher als Foren für musikereigene Produktionen verstehen, ist Abbey kreativer Initiator, der etablierte Formationen und Soloprojekte meidet, stattdessen unverbrauchte Spielsituationen schaffen will. "Zusammenarbeit ist ein wichtiger Teil meiner Ästhetik. Ich glaube, dass die Musiker, mit denen ich zu tun habe, so schnell lernen, mit anderen zusammenzuspielen, dass viele Kombinationen schnell jegliches Risiko verlieren, und ich bin daran interessiert, sie durch neue Kontexte herauszufordern. Diese Kontexte sind jedoch sehr spezifisch, und ich denke lange über sie nach, ehe ich sie vorschlage." So war es Jon Abbey, der den Gitarristen Burkhard Stangl ermunterte, sich mit seinem Wiener Laptop-Kollegen Christoph Kurzmann zusammenzutun, den er seit zehn Jahren kannte, ohne dass er je mit ihm duettiert hätte - und aus dem Erstwhile-Projekt "Schnee" wurde ein kontinuierlich arbeitendes Duo. Nicht minder folgenreich: Das von Abbey initiierte Zusammentreffen der Wiener Kultgruppe Polwechsel mit dem Elektroniker Christian Fennesz, ein Rendez-vous, das, wie die CD belegt, das gefestigte Vokabular des Quartetts bedrohlich ins Wanken brachte.

Es ist nicht zuletzt dieses von Abbey gesponnene Netz neuer Beziehungen innerhalb eines Pools international bekannter Improvisatoren, das dem "Erstwhile"-Katalog einen unverwechselbaren Akzent gibt. "Ich versuche, eine fortlaufende Reihe zu kuratieren, in der sich alles, was ich veröffentliche, aufeinander bezieht. Viele _Erstwhile_-Produktionen sind erste Begegnungen von Musikern, die mit der Arbeit ihres Gegenübers vertraut sind, aber, aus welchen Gründen auch immer, noch nie mit ihm zusammengearbeitet haben. Eines meiner kommenden Projekte ist eine Doppel-CD mit Duetten von Keith Rowe und John Tilbury, die noch nie im Duo gespielt hatten, obwohl sie seit mehr als zwei Jahrzehnten bei AMM zusammenspielen."